Verena Altekamp, Autorin

Verena Altekamp, Autorin

 

„Verein Frauen helfen Frauen, … … guten Tag!“

Ehrenamtlicher Telefondienst im Frauenhaus

Telefonische Erst- und Krisenberatung nennt sich der Telefondienst offiziell, den ich seit drei Jahren ehrenamtlich für den Verein Frauen helfen Frauen mache. Die Motivation, mich ehrenamtlich zu engagieren, habe ich aus den USA mitgenommen, wo ich ein paar Jahre gelebt habe. Und sie ist durchaus eigennützig! Zeitweise ohne Arbeitserlaubnis konnte ich dort als Volunteer etwas Sinnvolles tun, neue Menschen kennenlernen und Einblicke in Bereiche einer Gesellschaft bekommen, wie sie mir sonst vermutlich verwehrt geblieben wären. Wieder zurück in Deutschland war mir klar, dass ich mich auch hier wieder ehrenamtlich engagieren möchte. Stuttgart war neu für mich und ich wollte Anschluss finden und nicht nur um meine eigene Welt kreisen. Auf Frauen helfen Frauen bin ich durch Zufall im Internet gestoßen und bis heute dabei geblieben, weil ich mich in der Belegschaft sehr wohl fühle und ich die Arbeit des Vereins wichtig und spannend finde.

Einmal in der Woche sitze ich im Büro des Frauenhauses und nehme die Anrufe entgegen. Nebenher kümmere ich mich um Büroarbeiten und Aufgaben, die anfallen. Viele der Anrufe sind für die Mitarbeiterinnen im Haus. Sie kommen meist von Behörden, AnwältInnen oder anderen sozialen Einrichtungen und betreffen die Belange unserer Bewohnerinnen. Es melden sich aber auch Frauen oder Angehörige, die Hilfe und Beratung suchen und unsere Nummer aus dem Internet oder anderem Infomaterial haben. Nicht alle brauchen den Schutz des Frauenhauses. Manche stellen gezielt Fragen, die ich beantworte, so gut ich kann. Weiß ich nicht weiter, kann ich immer bei einer Mitarbeiterin im Haus nachfragen. Oder ich gebe der Anruferin die Nummer unserer Beratungsstelle „Beratung und Information für Frauen“ (BIF) oder einer anderen Einrichtung. Manche Anruferin ist aber auch so durcheinander, dass ich schon genau nachfragen muss, um herauszufinden, wo ihre Bedürfnisse liegen und wie gefährdet die betroffene Frau ist. Es ist mir am Anfang nicht leicht gefallen, den Einstieg in so ein Gespräch zu finden. Die Frauen stehen unter immensem Druck und viele beschämt es, über ihre Situation zu sprechen. Geringe Deutschkenntnisse kommen manchmal erschwerend hinzu. Es berührt mich oft schon sehr, so unmittelbar die Not eines Menschen zu erleben.

Die Erfahrung zeigt, dass Frauen sich entweder zur Spontanflucht entschließen oder ihre Flucht von langer Hand planen. Für manche bin ich die erste Person, mit der sie reden, nachdem sie sich zur Flucht entschlossen haben. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie pragmatisch manche Frauen die Organisation ihrer Flucht angehen. Doch einen Atemzug später wird auch klar: es ist Angst, die ihr Handeln bestimmt. So fiel auf meine Frage „Können Sie frei reden?“ schon der Satz „Er ist gerade im Nebenzimmer…“ und wir mussten die knappe Zeit so effektiv wie möglich nutzen.
Ist bei uns ein Zimmer frei, stelle ich den Kontakt zu einer Sozialarbeiterin im Haus her. Aber auch wenn wir belegt sind, ist es mir wichtig, keine Anruferin ohne irgendeine Form der Unterstützung aus der Leitung zu lassen. Und sei es nur eine andere Telefonnummer, die ihr die Weitersuche erleichtert.

Aber auch auf Testanrufe von Angehörigen gilt es zu reagieren, die den Aufenthaltsort einer Frau herausfinden oder am Telefon Druck auf sie ausüben wollen. Fragt jemand direkt nach einer Frau, kann ich nur darauf verweisen, dass wir grundsätzlich an Dritte keine Auskunft dieser Art weitergeben. Ob mir der Name der Frau nun bekannt ist oder nicht, ihre Anonymität muss gewahrt werden.

Ich bin keine ausgebildete Sozialarbeiterin, daher sehe ich meine Möglichkeiten in der Erstberatung. Doch es zeigt sich, dass ich auch damit etwas ausrichten kann. Manchmal habe ich das Gefühl, es hilft den Anruferinnen schon ein bisschen, mit einer Frau zu sprechen, die ihnen zuhört und sie ernst nimmt. Manchmal stoße ich auch an meine Grenzen – fachlich wie emotional – und mag die Verantwortung für die Beratung nicht mehr übernehmen. Dann kann ich aber an eine Sozialarbeiterin abgeben, das war noch nie ein Problem. Von den Kolleginnen habe ich gelernt, mich besser abzugrenzen. Und auch die gemeinsame Mittagspause mit ihnen möchte ich nicht missen. Inzwischen fühle ich mich als Teil der Belegschaft. Der ehrenamtliche Telefondienst im Frauenhaus gibt mir die Gelegenheit, etwas Sinnvolles zu tun, sowohl für andere als auch für mich selbst. Und das für ein paar Stunden in der Woche.

V. Altekamp

 

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